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BAG-E INFO 09/01 die Erste

22.09.01

Hallo MitstreiterInnen und UnterstützerInnen,

diese INFO enthält KEINE Beiträge über die schrecklichen Anschläge der vergangenen Woche auf die Symbole der wirtschaftlichen Überlegenheit des Westens und der militärischen Stärke seiner Supermacht sowie die katastrophalen Schlussfolgerungen die PolitikerInnen der so genannten zivilisierten Welt bisher daraus gezogen haben. Als Herausgeber der INFO möchte ich dennoch eine kurze Anmerkung dazu machen:

Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen!, so lautet das Motto der Initiative Ordensleute für dem Frieden in ihrem jahrelangen Kampf für eine gerechte Wirtschaftsordnung. Auch die unschuldigen Opfer der Anschläge zählen dazu. Um das nun angekratzte System zu stabilisieren wurde in den westlichen Industrienationen sofort nach Vergeltung und Krieg gerufen, damit klar gestellt wird, dass es an der guten herrschenden Ordnung nichts zu rütteln gibt. Zudem wird unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung ein Großangriff auf bestehende Rechte und Freiheiten eingeleitet. Das geht uns alle an, weil es von unserer politischen Arbeit nicht zu trennen ist. Kennen wir doch zu gut das Produkt dieser Welt(wirtschafts)ordnung die Folgen von Armut, Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung. Auf der anderen Seite müssen gerade Erwerbslose, BezieherInnen von Sozialhilfe und AsylberwerberInnen schmerzhafte Erfahrungen machen, weil lange erkämpfte Rechte beschnitten wurden und sie vermehrt staatlichem Zwang und totaler Kontrolle ausgesetzt sind...

Meines Erachtens müssen wir das, was nun auf uns zukommen wird, in unser Konzept des politischen Widerstands integrieren, denn hier eröffnen sich konkrete Optionen für Bündnisse gegen das Wirtschaftssystem, das über Leichen geht.

(Frank Jäger)

Diskussionsbeiträge hierzu und zu den Thesen (1.) sind ausdrücklich erwünscht!

Inhalt:

  1. Thesen zum Erwerbslosenprotest in Deutschland
  2. Artikel I.: Neue Politik gegen Arbeitslosigkeit? (Harald Rein)
  3. Chance oder Flop?
    Diskussionsveranstaltung zur Hessischen "Stellenmarktoffensive"
  4. Artikel II.: Die Radikalität der Biedermänner (Christa Sonnenfeld)
  5. Obligatorische Hinweise


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1. Thesen zum Erwerbslosenprotest in Deutschland

Vorwort

Vom 8.-10.02.2002 soll eine Konferenz des Runden Tisches der Erwerbslosenorganisationen in Dresden stattfinden. Um diese Veranstaltung inhaltlich vorzubereiten sind alle Erwerbslosenorganisationen aufgefordert ihre Themen in die Diskussion einzubringen.
Der folgende Beitrag wurde von Harald Rein (BAG-E) geschrieben. Frage:
Welche Konferenz wollen wir und was sind die Erwartungen an diese Konferenz?

Als eine der Konsequenzen der 98er Proteste entstand der Runde Tisch der Erwerbslosenorganisationen. Er entsprach der Idee einer regelmäßigen inhaltlichen Auseinandersetzung zwischen Bundes- und Landeskoordinationen der Erwerbslosen, mit dem Ziel des Ausbaus von organisatorischen Strukturen für etwaige gemeinsame praktische Aktivitäten. Um schlagkräftiger zu werden und mehr Gehör in der Öffentlichkeit zu finden, bedarf es der Bündelung unserer geringen Mobilisierungskräfte.

So kurzlebig der Arbeitslosenprotest 1998 war, so langlebig hält sich der anschließende Frust.
Eine gemeinsame Konferenz am 17./18.Juni 2000 in Bielefeld blieb ohne praktische Konsequenz. Und auch eine noch euphorisch gemeinsam beschlossene Kampagne Gegen Arbeitszwang und Billigjobs für ein existenzsicherndes Einkommen! wurde einige Monate später sang- und klanglos gestrichen. Eine Debatte über die Gründe des Desasters fand nur einen partiellen Raum: aus der Konferenz in Bielefeld habe sich kein Thema als kampagnenfähig erwiesen bzw. es hätte keinen praktischen Vorschlag gegeben, potentielle Bündnispartner seien eher zurückhaltend, eigene finanzielle und personelle Engpässe spielten eine Rolle, Motivationsschwäche, schlechte Erfahrungen mit anderen Demonstrationen usw.usf.

Demgegenüber steht eine arbeitsmarktpolitische Offensive nach dem Regierungswechsel von Politik, Wirtschaft, zum Teil Wissenschaft und Medien gegen Arbeitslose und Arme, ohne dass es zu größeren Widerständen kam. Neben den üblichen Diffamierungen erfolgt eine systematische Demontage der Arbeitslosenversicherung in Richtung einer Arbeitslosenfürsorge und der Ausbau eines an autoritären Staatsformen orientierten Zwangsinstrumentariums. Die Reaktionen der Initiativen war eher verhalten.

Was seit 1998 passiert ist, warum es nicht zu weiteren bundesweiten Aktivitäten gekommen ist und was daraus für Schlussfolgerungen zu ziehen sind, sollte Gegenstand der Tagung sein. D.h. es handelt sich um eine Bilanz/Strategiedebatte mit darauf aufbauendem Aktionskonzept unter dem Motto welcherart von gemeinsame Praxis lässt sich umsetzen?

Thesen zum Erwerbslosenprotest in Deutschland

  1. Die Proteste von 1998 waren ein Erfolg, weil es gelang erstmals nach 1945 im nennenswerten Umfang Arbeitslose zu mobilisieren. Ohne bundesweite Initiativenszene hätte es keine Protesttage gegeben. Gleichzeitig waren sie aber auch ein Misserfolg, weil sie keinerlei sozialpolitische Erfolge für sich verbuchen konnten. Dazu war der erste gemeinsame Aktionstag zu harmlos, die Überraschung der Herrschenden konnte nicht in adäquate Aktionen umgesetzt werden, die Bündnispartner verhielten sich zaghaft (etwa die Gewerkschaften mit ihrer Orientierung gegen die Kohl-Regierung) oder waren nicht bereit gemeinsame soziale Kämpfe mitzutragen.
    Die kurzzeitige Mobilisierung von Arbeitslosen führte nicht in eine kontinuierliche Initiativenarbeit.
  2. Die Bildung eines Runden Tisches der Erwerbslosenorganisationen bot die Möglichkeit bundesweit erkennbare inhaltliche und organisatorische Schwächen anzugehen. Die Ergebnisse der Bielefelder Konferenz waren ein inhaltlicher Schritt nach vorne, aber ein organisatorischer zurück.
  3. Was verhindert eine Bewegung der Arbeitslosen?
    • Objektive Barrieren und subjektive Gründe:

      • - Soziale bzw. bürokratische Kontrolle
      • - Sozialstaatliche Individualisierung (ein Fall-eine Akte, persönliche Termine und Beratungen, individuelle Geldüberweisungen), arbeitsmarktmäßige Segmentierungsstrategien (Aufgliederung des Arbeitsmarktes nach verschiedenen Lebenslagen und Berufen)
      • - Konformitätsdruck
    • Auswirkungen der Arbeitslosigkeit:

      • - Finanzielle Einschränkungen, psychische Beeinträchtigungen (Druck nach innen durch eigene individuelle Versagensängste oder durch Arbeitsamtsmitarbeiter und von außen, durch öffentliche Diffamierungen).
    • Weitere Gründe:

      • - Jeder kämpft für sich (Individualisation/Vereinzelung).
      • - Verinnerlichung der Moral, wonach der Arbeitslose seine Situation selbst verschuldet hat.
      • - Fehlendes bürgerrechtliches Bewusstsein.

    Verschiedene Lebenswirklichkeiten der Arbeitslosen erzeugen unterschiedliche Reaktionsweisen auf das Faktum Arbeitslosigkeit. "Wenn die Leute in der so analysierten Gesellschaft nicht mehr ihre Alltäglichkeit leben können, dann beginnt eine Revolution. Solange sie das Alltägliche leben können, rekonstituieren sich die alten Verhältnisse." (Henri Lefebvre: Das Alltagsleben in der modernen Welt) Objektive und subjektive Faktoren können zu Resignation bzw. Lethargie führen, aber auch zu Resistenzen.
    Erwerbslose agieren dort, wo sie Zugang haben und wo sie eine Rolle spielen, d.h. im Arbeitsamt, im Sozialamt oder im Wohnungsamt. Sich nicht alles gefallen lassen, nachfragen, Entscheidungen überprüfen, eine Beratungsstelle aufsuchen.

    Widerständige Aktivitäten von Erwerbslosen finden sich häufig in Form von alltäglicher Resistenz, im individuellen Widersetzen. Dieser "stumme" Protest ist es der sich am ehesten in der Protestwirklichkeit der Armutsbevölkerung wiederfindet. Er stellt oft den einzigen Weg dar, sozialer Ungerechtigkeit entgegenzutreten und bewahrt darüber hinaus in selbstbewussten "listigen" Handlungen einen gewissen Grad an menschlicher Würde.

    In der Praxis sind mir verschiedene Formen der Resistenz bekannt:

    • - die individuellen Leistungsverweigerer
    • - die selbstbewussten BezieherInnen von Sozialhilfe und Lohnersatzleistungen
    • - die FreiraumschafferInnen

    Diese Formen sind nicht statisch zu sehen und auch nicht automatisch bestimmten sozialen Gruppen zuordenbar, häufiger kommen Überschneidungen und Vermischungen vor.

  4. Am Beispiel der Hilfe zur Arbeit (gemeinnützige Variante) lassen sich verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit diesem Thema durch Betroffene beschreiben:

    es gibt eine gewisse Akzeptanz (solange kein direkter Druck vor Ort existiert), da alles besser ist als zu Hause zu sein, die Arbeit kaum belastend ist, das oftmals gemütliche Beisammensein mit anderen lockt (sozialer Aspekt) und das Sozialamt die Leute in Ruhe lässt ein Teil geht gezwungenermaßen aus dem Sozialhilfebezug heraus oder zieht seinen Antrag zurück (Alternativen: sich durchschlagen, Niedriglohntätigkeiten, Schwarzarbeit, Kleinkriminalität usw.) ein größerer Teil leistet individuellen Widerstand, z.B. in Form von: krankschreiben, verstellen, Suche von juristischem Beistand ein sehr kleiner Teil leistet kollektiven Widerstand, z.B. von AsylbewerberInnen, Aktion bei der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeber (1994), Protesttage 1998(zumauern des Sozialamtbüros im Arbeitsamt)

  5. Wann schlägt individueller Protest in kollektiven Widerstand um? Ich weiß es nicht!

    • - Er kann forciert oder beschränkt werden durch Solidarität von und mit anderen.
    • - Er hängt ab vom Zugang zu den Medien. Ein Diskussionsstrang innerhalb der Erwerbsloseninitiativen, nach Beendigung der Aktionstage, ging davon aus, dass die Mobilisierungsfähigkeit "schwacher Interessen" nicht so sehr abhängig ist von der Organisationskraft der eigenen Gruppen, als vielmehr vom Zugang zu öffentlichen Medien, von der Möglichkeit andere inhaltliche Positionen lancieren zu können und mit medienbegleitenden spektakulären Aktionen einen Art copy-riot Effekt (Ausbreitung von Revolten durch die Medienberichterstattung) zu erreichen
    • - Er steht im Zusammenhang mit der Möglichkeit von spektakulären Aktionen.
    • - Er kann gefördert werden durch Informationen über Aktivitäten aus dem nahen Ausland.
    • - Er kann durch öffentliche Diffamierungskampagnen oder durch ungerecht erscheinende Sozialleistungskürzungen beschleunigt werden.

    Im Sinne von Piven/Cloward sind Bewusstseins- und Verhaltensänderung der betroffenen sozialen Subjekte Voraussetzung für die Entstehung einer sozialen Bewegung. Es stellt sich dann die Frage, an welchen Kristallisationspunkten ein anderes Bewusstsein, im Sinne der Modifizierbarkeit gesellschaftlicher Verhältnisse und des Eindrucks eigener Stärke, entstehen kann und an welchen Punkten diese Einsicht in eine Verhaltensänderung, im Sinne der Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse, umschlägt. Allerdings muss mitberücksichtigt werden, dass Arbeitslose kein kollektives Bewusstsein besitzen, als gemeinsamer Nenner nur der Status als Arbeitsloser dient.

    Ein Großteil der 1998 aktiven Arbeitslosen stammt aus dem Milieu des stummen Protestes, die entweder durch das verschärfte SGB III soweit in die Enge getrieben wurden, dass sie keinerlei Aussicht mehr auf individuelle Verweigerungsstrategien sahen und so den Straßenprotest als für sie nützliche Ergänzung interpretieren, oder die bisher nur mit der Faust in der Tasche ihrer Wut keinen gesellschaftlich-kollektiven Ausdruck geben konnten. Sie befanden sich bisher in einer Warteposition; selbst nicht in der Lage nach außen zu gehen, warten sie auf den Moment, dass etwas passiert. Erst durch die öffentliche Berichterstattung über die bevorstehenden Aktionstage sind sie mobilisiert worden.
    Das unverhoffte, nicht berechenbare und eruptive politische Aufbegehren ist die eigentliche Stärke jeden Erwerbslosenprotestes. Sie liegt aber quer zu den politischen Ausdrucksmitteln derjenigen Organisationen, die den Erwerbslosenprotest wesentlich mit beeinflussen. Gewerkschaften und Parteien treten in einer Form der öffentlichen Darbietung auf, die sie seit Jahrzehnten geprägt haben. Diszipliniertes Auftreten und geregelter, an den demokratischen Spielregeln orientierter, organisierter Klassenkampf ist vielen Arbeitslosen als Kampfform fremd. Dieser Unterschied birgt Gefahren, aber auch Vorteile. Die Gefahren bestehen darin, dass mangels eigener Phantasie und Massen eine Vereinnahmung durch den Apparat und die inhaltlichen Rezepte dieser Großorganisationen stattfindet. Den Vorteil sehe ich darin, dass Erwerbslose darauf angewiesen sind, eigene inhaltliche Forderungen und eigene Formen der Selbstorganisation aufzubauen. Nur so können sie sicher sein, dass ihre Belange auf der Tagesordnung der zu lösenden gesellschaftlichen Probleme stehen bleiben.

  6. Welche Arbeitslose erreichen wir?

    Nach Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit sind rund 30% der Erwerbslosen nicht länger als sechs Monate arbeitslos, 12% unter 25 Jahre und 24% über 55 Jahre, dazu kommen noch Kranke, NebenjoblerInnen, Alleinerziehende, Arbeitslose die in Maßnahmen sind usw. Aus unserer Untersuchung über Arbeitslosengruppen in Deutschland von 1998 (FALZ (Hg.): Arbeitslosengruppen in Deutschland) ergibt sich folgendes Bild (gilt nur für den Westen Deutschlands):
    Männliche Langzeitarbeitslose sind offenbar in der kontinuierlichen Initiativenarbeit stärker repräsentiert. Jugendliche Arbeitslose spielen in den Initiativen nur eine untergeordnete Rolle; die dort vorhandenen Möglichkeiten scheinen sie nicht in ausreichendem Maße zu interessieren. Möglicherweise befinden sie sich aber auch in einem Findungs- oder Suchprozess und interpretieren sich selbst nicht als Arbeitslose. Der aktive Kern in den Initiativen wird getragen von Facharbeitern und Angestellten und widerspricht der in der Öffentlichkeit immer wieder vertretenen Auffassung einer angeblichen Gruppendominanz durch Arbeitslose aus akademischen Berufssparten.

    Auch in diesem Zusammenhang liegt die Vermutung nahe, dass besonders diejenigen Arbeitslosen, die am längsten außerhalb jeglicher Arbeitsmöglichkeit stehen, am ausdauerndsten in den Initiativen wirken. Langzeitarbeitslose dürften, neben den Gruppenmitgliedern, die im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder ähnlichen Maßnahmen tätig sind, auch die Träger der regelmäßigen Aktionstage sein.

    Neben den Arbeitslosen gibt es auch einige hauptamtliche MitarbeiterInnen in den Initiativen. Dies sind zum einen Gewerkschaftsfunktionäre, die für Arbeitslosenarbeit abgestellt wurden, oder interessierte Beratungskräfte aus den Arbeitslosenzentren.

    Mit in die Diskussion einbezogen werden müssen auch die Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung auf das Normalarbeitsverhältnis. Der Übergang von bisher Festangestellten oder Arbeitslosen in prekäre Beschäftigungsfelder mit unsicherem rechtlichen Status (befristete Verträge, Zeitarbeitsfirmen, erzwungene Tätigkeiten durch Arbeits- oder Sozialämter usw.) hat unter Umständen Auswirkungen auf die soziale Struktur der Aktiven in den Initiativen und führt zu neuen Bündnisnotwendigkeiten für kommende Auseinandersetzungen.

  7. Was gab und gibt es aktuell über individuelle Widerständigkeiten hinaus an kollektiven Organisationsformen im Sozialen?:
    • Sozialhilfeinitiativen (gegen Pauschalisierung, gegen Lohnabstandsgebot, gegen Anrechnung von Kindergeld auf die Sozialhilfe (nach fast zweijähriger Kampagne: letzte Erhöhung des Kindergeldes auch für SozialhilfebezieherInnen), Existenzgeld, gegen Hilfe zur Arbeit))
    • Erwerbsloseninitiativen (gegen Bedürftigkeitsprüfung in der Arbeitslosenhilfe, internationale Zusammenkünfte, Existenzgeld, gegen Sozialgesetzbuch III, gegen Arbeitszwang und Billigjobs)
    • Obdachlose (Kampf um öffentliche Räume, Hotelbesetzung, Öffnung von Bahnschächte im Winter)
    • Soziale Bündnisse gegen Sozialabbau auf kommunaler Ebene etc.
    • Soziale Aneignungsbewegungen (Schwarzfahraktionen, umsonst einkaufen, Innenstadtaktionen, Hausbesetzungen, Stromklau, Zug nach Paris/Nizza)
    • Euro-Marsch/Anti-Globalisierungsbewegung/internationale Kontakte (Karawane, Attac, Charta 2000)
    • Darüber hinaus gibt es Einzelpersonen oder Gruppen die ihre Widerständigkeit in Theater oder Literatur ausdrücken und nicht selten in Kooperation mit den vorgestellten Gruppierungen stehen.
  8. Nach jahrelanger politischer Betätigung in Erwerbslosengruppen komme ich zu folgender Schlussfolgerung:
    Von einer Bewegung der Erwerbslosen, im Sinne der bisherigen Neuen Sozialen Bewegungen, kann nicht gesprochen werden. Sie stammen weder aus einer Klasse, noch aus einem gemeinsamen Milieu und besitzen kein kollektives Bewusstsein. Ihr Protest ist eruptiv und entwickelt sich nur sporadisch.
    Die bestehenden Arbeitslosengruppen sind eine professionelle Bewegung mit Spezialisten ohne Mobilisierungskraft. Anstelle von Erwerbslosenbewegung spreche ich lieber von Erwerbslosenprotest.
    Darunter verstehe ich alle individuellen und kollektiven Verhaltensweisen von Erwerbslosen, die eine Änderung bestehender sozialer Verhältnisse bezwecken, oder ein Leben in Würde anstreben.
  9. Es stellt sich die Frage, was an bundesweiten Protestformen in Deutschland möglich ist und wie sich diese organisieren lassen. Organisatorische Konsequenzen

    Die Art der bundesweiten Zusammenschlüsse sind nicht mehr adäquat für einen dauerhaften, erfolgreichen Kampf. Es ist nicht nur die geringe Mobilisierungskraft von Arbeitslosen, sondern auch die ineffektiven Organisationsformen der Arbeitslosen. Überlegung:

    Ohne, dass sich die bestehenden bundesweiten Strukturen der Arbeitslosen auflösen müssten, könnte eine zentrale Arbeitslosenorganisation gegründet werden, die außerhalb von Gewerkschaften, Kirchen, aber auch von professionellen Beratungsstellen ihren Wirkungskreis hätte. Als einheitliches Sprachrohr bestünde so die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit Arbeitslosenpositionen zu formulieren, gemeinsam getragene Forderungen vorzustellen und diese als Grundlage zu nehmen für die Organisierung weiterführender Proteste. Der Unterschied zu den existierenden bundesweiten Zusammenschlüssen bestünde darin, dass es sich um eine Organisationsform handeln würde zur ausschließlichen Durchführung von praktischen Aktionen, um Druck auszuüben auf die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen in diesem Staat.

    Das zu bildende Gremium muss politisch unabhängig, basisdemokratisch eingesetzt, möglichst hierarchiefrei und dennoch in einfacher Form kontrollierbar sein.

Inhaltliche Konsequenzen

Meine bisherigen Ausführungen sollten Anreizpunkte sein, um darüber nachzudenken, ob, wenn wir von Widerstand reden, auch immer das gleiche meinen.

Wir brauchen eine Analyse über zukünftigen Angriffslinien der politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen gegenüber Erwerbslosen und ein Konzept eines gemeinsamen Abwehrkampfes (wo fühlen sich Arbeitslose in unserer Kritik angesprochen und wo sind sie bereit ihre individuelle Widerständigkeit in kollektive Formen zu tragen?).

Darüber hinaus haben wir durchaus das theoretische Rüstzeug um inhaltlich in die Offensive zu gehen (Existenzgeld, autoritärer Staat, wir wissen was wir nicht wollen).
Der Ansatz der Bielefelder Konferenz, inhaltliche Kristallisationspunkte zu finden mit denen sich eine gemeinsame Praxis, in welcher Form auch immer, entwickeln lässt, halte ich für richtig. Hier sollte unsere Diskussion weitergeführt werden.

Es sei noch darauf verwiesen, dass auf dem Hintergrund der letzten Anti- Globalisierungsdemonstrationen, das Thema welche politischen oder ökonomischen Auswirkungen hat eigentlich die kapitalistische Globalisierungsstrategie auf eine repressive Sozialpolitik vor Ort, aktueller denn je ist. Veranstaltungen in diese Richtung verdeutlichen die Existenz von Erwerbsloseninitiativen mit ihren spezifischen Forderungen in der Öffentlichkeit und bieten eine reale Möglichkeit Bündnisse mit anderen sozialen Gruppen einzugehen, bzw. diese überhaupt erst einmal kennen zulernen.



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2. Artikel I.

Neue Politik gegen Arbeitslosigkeit?

Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat die rot-grüne Regierung eine Vielzahl von angeblich beschäftigungswirksamen Initiativen in die Wege geleitet. Das Job-Aqtiv-Gesetz verpflichtet Arbeitslose in noch stärkerem Maße schlecht bezahlte Jobs anzunehmen, Leiharbeit wird als Wunderwaffe gefördert, mit privatisierten Bewerbertraining werden Arbeitslose in Bewegung gehalten und der Kombi-Lohn (eine Kombination von Lohn mit staatlichen Zuschüssen) erprobt. Allerdings erweist sich letzterer als Desaster. Die laufenden Kombilohn-Piltoprojekte, wie z.B. das "Sonderprogramm zur Erprobung von Modellansätzen zur Förderung der Beschäftigung von Geringqualifizierten und Langzeitarbeitslosen" oder landesweite Modellvorhaben in der Sozialhilfe, brachten bisher nicht den Beweis, dass es von Seiten der Unternehmen ein besonderes Bedürfnis nach gering qualifizierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gibt. So stellte der Deutsche Städtetag fest, "dass zusätzliche Anreize durch Freilassung von Arbeitseinkommen und Zuschüssen an Arbeitnehmer kaum zu mehr Beschäftigung führen." Ähnlich sind auch die Zwischenbilanzen aus den Modellversuchen für Langzeitarbeitslose in vier Bundesländern: Es besteht kaum Interesse an den Niedriglohn-Pilotprojekten. Wie letztendlich Wissenschaft und Politik diese Erfahrungen interpretieren bleibt abzuwarten.

Wurde unter der alten Bundesregierung eine regelrechte Ausgrenzungs- und Verarmungspolitik betrieben, so gab es auch unter vielen Erwerbslosen mit der Wahl der rot-grünen Koalitionsregierung Hoffnungen auf zumindest kleinere Verbesserungen im sozialen Bereich. Diese Erwartungen bauten hauptsächlich auf einem Wunschbild der Sozialdemokratie als Garant sozialer Gerechtigkeit und Vorreiterin der Bekämpfung von Armut, ähnlich dem einer Fata morgana: Je größer der Wunsch, desto größer die Enttäuschung. Die Frage stellt sich, was eigentlich den Unterschied zwischen der Politik Kohls und der Politik Schröders gegenüber Arbeitslosen ausmacht?

Kontinuierlich bleibt die Politik der Umverteilung von unten nach oben, die Bekämpfung von Erwerbslosen und anderen unterprivilegierten Gruppen sowie die Kürzung bzw. Streichung von Sozialleistungen.
Neu ist die, auch im europäischen Maßstab abgestimmte, systematische Zwangsmobilisierung der Arbeitskraft und der bisher unausgesprochene radikale Wille das Prinzip der Arbeitslosenversicherung aufzuweichen und die staatlich garantierte Sozialhilfe in ein Armenfürsorgesystem umzuwandeln. Der Druck auf Arbeitslose wird erhöht, staatliche Sozialleistungen werden auf ein Mindestmaß gestrafft. Der rechtliche Zwangsapparat wird nicht nur formell ausgebaut, sondern auch praktisch genutzt und in den Medien wird eine ideologische Offensive gegenüber nicht "willigen" Arbeitslosen losgetreten. Von Zwang ist dabei nur selten die Rede. Von "Chancen", die es wahrzunehmen gelte, und "Pflichten", die sich jeder auferlegen müsse, dafür umso mehr. Es wird ein gesellschaftliches Klima erzeugt, indem sich jede Bezieherin und jeder Bezieher von Arbeitslosenunterstützung als quasi "sozialschädlich" ansehen muss, weil sie oder er nicht bereit ist, für `nen Appel ohne Ei sein Leben zu fristen. Wer dies nicht einsieht, gegen den wird die Sanktionskeule erhoben: Jede/r der oder die keine Niedriglohntätigkeiten annehmen will oder dem der berufliche Sinn von regelmäßigem Unkrautjäten bzw. Sportplatzreinigen abhanden gekommen ist, wird sanktioniert

Der Endpunkt des Einreißens der sozialen Sicherung durch Sozialdemokraten und Grüne ist damit aber noch nicht erreicht. Das geplante Projekt der Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe stimmt in die nächste Phase der grundlegenden Veränderung der Arbeitslosenversicherung ein.

Dies alles gilt es zu beachten, wenn sich für die nächste Bundestagswahl wieder die Frage nach rot-grün als kleineres Übel stellt.

Harald Rein
(Der Artikel ist erschienen im ZÜNDSTOFF vom August 2001, der Zeitung der Jungdemokraten/junge Linke)



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3. Veranstaltung

Chance oder Flop?

Diskussionsveranstaltung zur Hessischen "Stellenmarktoffensive"

Im März 1999 startete das hessische Landesarbeitsamt in seinen 13 örtlichen Arbeitsämtern eine "Stellenmarktoffensive". Unter Titeln wie "Die zweite Job-Chance", "Beschäftigungsmotor Zeitarbeit" oder "50 plus - Die können es" firmieren dabei Projekte, mit denen "Brücken" in den ersten Arbeitsmarkt "gebaut werden" sollen. Angesprochen werden mit diesen Programmen hauptsächlich Langzeitarbeitslose, da gerade deren Anteil an der Gesamtarbeitslosenquote in den letzten Jahren auf gleich hohem Niveau stagnierte. Bis Ende des Jahres 2001 will das Landesarbeitsamt die Quote der Langzeitarbeitslosen mit diesem Maßnahmepaket erheblich senken. Nach nunmehr fast zweijährigen Erfahrungen mit der "Stellenmarktoffensive" ist zu fragen, ob und in welche Richtung dieses Projekt tatsächlich erfolgreich ist.

Um dessen Ergebnisse zu verdeutlichen sollen drei Maßnahmen der Arbeitsämter Offenbach und Frankfurt/M. in diesem Zusammenhang vorgestellt und kritisch hinterfragt werden. Im Einzelnen handelt es sich um die "Vorlage von Nachweisen über Eigenbemühungen", die "Assistierte Arbeitsplatzsuche" und die "Zeitarbeitsvermittlung mit Trainingsmaßnahme". Als der Frankfurter Arbeitsamtsdirektor Griesheimer im Frühjahr 2000 auf einer Informationsveranstaltung für Arbeitslose davon sprach, "die Daumenschrauben anziehen" zu wollen, skizzierte er damit das zukünftige Verhältnis des Arbeitsamtes gegenüber Arbeitslosen. Für ihn wie für alle anderen Arbeitsamtsdirektoren stellt sich die Frage, wie eine positive Leistungsbilanz erreicht werden soll. Gäbe es genügend existenzsichernde Arbeitsplätze, könnte die Langzeitarbeitslosenquote reduziert werden - ohne Druck auszuüben und ohne Drohgebärden. Dem Arbeitsamt bleiben zwei Möglichkeiten: Es forciert die Vermittlung in Niedriglohnarbeitsplätze - auch durch verstärkten Einsatz von Subventionen -, oder es erreicht, dass der Arbeitslose seinen Leistungsanspruch verliert. In beiden Fällen sinkt statistisch gesehen die Quote der Langzeitarbeitslosen.
Beschäftigungsförderung und Zwang sind deshalb zwei Seiten derselben Medaille, denn je häufiger die Arbeitsämter die Zwangsvermittlung in niedrig entlohnte Tätigkeiten favorisieren, desto häufiger werden auch diejenigen, die sich dieser Armutsarbeit widersetzen, aus dem Leistungsbezug ausgegrenzt: Wer tritt schon freiwillig eine schlecht bezahlte Hilfsarbeitertätigkeit an, die es weder ermöglicht, einen angemessenen Lebensstandard aufrecht zu erhalten und damit auch eine ausreichende Basis für eine spätere Rente aufzubauen, noch eine berufliche Perspektive bietet?

Auch wenn die "Stellenmarktoffensive" von den Verantwortlichen in der Öffentlichkeit als effektiv bezeichnet wird (vgl. z.B. "Jobs für 120 Langzeitarbeitslose", FR vom 22.06.2001), ist der Erfolg einzelner Maßnahmen bislang nicht aussagekräftig bilanziert. Ein Manko, dass auch auf Bundesebene festgestellt werden musste; Evaluierungsmaßnahmen führten dort, wo es sie gab, zu keinen verlässlichen Aussagen, mit Belegen für die Effizienz der aktiven Arbeitsmarktpolitik steht es nicht zum Besten - es sei denn, man versteht unter Effizienz das erfolgreiche Herausdrängen aus dem Leistungsbezug.

Über dies und noch Einiges mehr soll am 18. Oktober 2001 um 19.30 Uhr im Gewerkschaftshaus (Wilhelm-Leuschner-Str. 69, Willi-Richter-Saal) diskutiert werden.

  • Zwei Kurzreferate werden in die Problematik einführen: Ulrich Stascheit, Professor an der Fachhochschule Frankfurt, wird das Thema "Was kann Arbeitslosen bei der Beschäftigungssuche zugemutet werden?" aus rechtlicher Sicht erläutern. Harald Rein, Mitarbeiter im Frankfurter Arbeitslosenzentrum, wird die ausgewählten Maßnahmen der hessischen Stellenmarktoffensive vorstellen und kommentieren.
  • Anschließend werden beteiligte Institutionen und Personen die Möglichkeit erhalten, ein Kurzstatement abzugeben. Dazu sind VertreterInnen folgender Institutionen eingeladen:
    • des Arbeitsamtes,
    • eines Maßnahmeträgers (Personalentwicklungs- und Beteiligungsgesellschaft; PEBG),
    • einer der beteiligten Zeitarbeitsfirmen,
    • des DGB (Mitglied im Verwaltungsausschusses eines Arbeitsamtes) und
    • der Erwerbsloseninitiativen.
  • Danach ist eine offene Diskussion mit Beteiligung des Publikums vorgesehen.

Ziel der Veranstaltung:

Mit der Veranstaltung wollen wir gegen die allgemeine Diffamierung von Erwerbslosen (zuletzt Schröders Faulheitsvorwurf) Position beziehen und die Öffentlichkeit darüber informieren, wie die einzelnen Arbeitsämter gegen Arbeitslose vorgehen. Zugleich wollen wir Arbeitslosen Mut zu machen, sich gegen Zwangsvermittlungen zu wehren. GewerkschafterInnen, BetriebsrätInnen und KollegInnen sollen die Möglichkeit erhalten, sich über die Konsequenzen einer solchen Begünstigung von Niedriglohnarbeit für den eigenen Betrieb auszutauschen. Und schließlich soll die politische Dimension einer staatlichen Beschäftigungsförderung am Beispiel der hessischen Stellenmarktoffensive deutlich werden.

VeranstalterInnen:

  • Frankfurter Arbeitslosenzentrum (FALZ)
  • Redaktion express (herausgegeben von AFP e.V.)
  • Jungdemokraten/Junge Linke, Landesverband Hessen
  • PDS, AG Betrieb & Gewerkschaft


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4. Artikel II.

Die Radikalität der Biedermänner

Alles hat man schon bis zum Überdruß gehört: unter der Kohl-Regierung waren die Erwerbslosen "Schmarotzer", die faul in der Hängematte auf Bali liegen (Blüm), oder "Drückeberger", die unentwegt Mißbrauch betreiben, wobei Medien brav assistierten (FOCUS: "Das süße Leben der Sozialschmarotzer"). Die rot-grüne Bundesregierung wahrte von Anfang an Kontinuität mit dem Willen zur Eskalation: auch hier geht es wieder um "Drückeberger" (die Grünen), dann Schröder mit seiner Faulenzer-Polemik, schließlich Roland Koch von seiten der "Opposition" mit seinem gesunden Rechtsempfinden und jetzt Rudolph Scharping als Arbeitsmarktexperte. Auch jetzt laden verschiedene Medien wie z.B. der SPIEGEL nach, indem sie namenlose Experten von "hartnäckigen Arbeitsverweigerern" schwadronieren lassen. All dieses gegenwärtige Gerede ist längst vertraut und war immer vor allem die propagandistische Vorbereitung auf Gesetzesverschärfungen für LeistungsbezieherInnen, die den dezidierten Willen zu mehr Repression und mehr Arbeitszwang beinhalteten. Man will die Ungleichheit beschleunigen und man will vor allem eines: diejenigen, die als Erwerbslose soziale Sicherungssysteme in Anspruch nehmen, sollen irgendwie verschwinden. Damit meine ich jetzt nicht den Vorschlag eines Politikers, BSE-verdächtiges Rindfleisch an "sozial Schwache" abzugeben, sondern einfach, Rechtsansprüche an den verbliebenen Sozialstaat von vornherein abzuwehren oder zu Niedriglohnarbeiten zu zwingen. Die Unternehmen kommen ohne die Arbeit vieler aus, das zeigen die täglichen Meldungen über Massenentlassungen. So werden künstliche und zum Teil sinnlose Beschäftigungen geschaffen, die allesamt eine wichtige Funktion haben, nämlich Menschen unter Kontrolle zu behalten, denn Arbeit wird als Disziplinierungsinstrument gebraucht.
Durch die ununterbrochene Indoktrination werden beileibe nicht nur Stammtische bedient. Nach einer Umfrage von Allensbach vom März 2001 meinten 70% der Befragten: "Man sollte Arbeitslose zu gemeinnütziger Arbeit verpflichten", und man kann auf genügend Intellektuelle stoßen, die bekunden, daß man als Leistungsbezieher selbstverständlich eine Gegenleistung erbringen müsse (so spricht Leggewie z.B. in diesem Zusammenhang vom "ermunternden Staat", der in Arbeit zwingen soll). Das Recht auf Hilfe zum Lebensunterhalt, die Vorgabe des Sozialgesetzbuch I, eine frei gewählte Tätigkeit zu ermöglichen, Grundrechte als Wert an sich, ohne Gegenleistung, anzuerkennen, - keine Rede mehr davon.

Nach dem Auftritt von Roland Koch, der offenbar ganz neu über ein Projekt erfahren hat, das im US-Staat Wisconsin seit 1996 läuft, zeigte sich bei der Bundesregierung allerdings ein tendenziell gespaltenes Bewußtsein: die Repression haben wir doch längst, wird verlautet, -just nachdem Schröder uns das Recht auf Faulheit absprach. Jetzt wird Koch von VertreterInnen der Regierung entgegengehalten, daß wir den Zwangsapparat schon längst zur Verfügung hätten; er reiche aus (Kerstin Müller, Grüne). Man erregt sich also nicht über den Umstand, daß der Zwang zu irgendeiner schlecht bezahlten Arbeit derart ausgeweitet wurde, sondern darüber, daß die hohe Repressionsbereitschaft der Bundesregierung nicht zur Kenntnis genommen wird. Allerdings scheint Koch in einer Forderung alle übertrumpft zu haben: er stellt die Wohnung von sog. Arbeitsunwilligen in Frage, ohne dies allerdings zu präzisieren: meint er die Einlieferung in Wohnheime oder Sammellager? Oder geht es darum, bei Verweigerung nicht nur den Regelsatz, sondern auch die Miete generell zu streichen (was in Einzelfällen jetzt schon geschieht)? Noch kann interpretiert werden.

Jetzt hat Rudolph Scharping, der sich bislang nicht als Arbeitsmarktexperte ausgewiesen hat, eine besondere Zielgruppe herausgegriffen, die auch Schröder in der Regierungserklärung im Blick hatte, nämlich die jungen Heranwachsenden. Ungeachtet dessen, daß auch für sie seit 1999 mit dem Jugendprogramm "Jump 2000" ein Zwangsapparat zur Verfügung steht, bei dem die jungen Leute in Trainingskurse, kurze ABMs oder irgendwelche Aushilfsarbeiten mit Löhnen z.T. unter das Existenzminimum gedrückt werden, wärmt er auf, endlich solle man sie zur Arbeit zwingen. Eine Innovation wäre das deshalb nicht - wie all die anderen Sprechblasen nicht - aber bei ihm hat es einen besonderen Hintergrund: Würde längerfristig die Wehrpflicht abgeschafft, dann entfiele auch der Zivildienst. Wer soll dann die vielen Arbeiten im sozialen Bereich durchführen, und das für ca. 700 DM im Monat? Ein echtes Dilemma, dem offenbar nur mit forciertem Druck auf junge Leute begegnet werden kann, da der Sozialstaat längerfristig auf das Niveau einer Armenfürsorge zurückgebildet werden soll. Mit der (zu begrüßenden) Abschaffung der Wehrpflicht steht eine weitere Ausweitung des Zwangs zur Arbeit an, ungeachtet dessen, ob jede/r Erwerbslose die Neigung zu sozialen Berufen hat und ungeachtet dessen, ob zu betreuende Personen damit einverstanden sind, daß ihnen irgendwer ans Bett gestellt wird. Alle scheinen sich derzeit dabei übertrumpfen zu wollen, wer bei der Gestaltung eines autoritären Staates die Nase vorn hat. Eines aber eint sie: die Rudimente des Sozialstaat endlich abzuschaffen.

Christa Sonnenfeld
© links-netz August 2001



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5. Obligatorische Hinweise

  • Die Anschrift des Postverteilers:
    Frank Jäger
    Schleusenstr. 11
    60327 Frankfurt
    fax: 069-24006770

  • Zum Erhalt der halbmonatlich erscheinenden Info-Pakete eine E-Mail an:
    verteiler@bag-erwerbslose.de . (Das gilt natürlich nur die neuen Interessierten.)
    Dort können auch Beiträge und Infos hingeschickt werden.

  • Für Anregungen / Material für die BAG-E Homepage bitte eine E-Mail an:
    homepage@bag-erwerbslose.de .

  • Kontakt zur BAG-E kann mensch künftig aufnehmen per E-Mail:
    kontakt@bag-erwerbslose.de

  • Die Postadresse ist:

    BAG-Erwerbslose
    c/o FALZ
    Solmsstr. 1a
    60486 Frankfurt/Main
    fon: 069-70 04 25
    fax: 069-70 48 12


Übrigens: Beiträge für die BAG-E INFO zum Themenbereich Erwerbslosigkeit, Sozialhilfe, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik etc. können per mail an verteiler@bag-erwerbslose geschickt werden (bitte nicht an die o.a. Adresse).

Bis zur nächsten INFO...
Solidarische Grüße
Frank

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