BAG-E INFO 05/02 die Erste30.05.02Hallo MitstreiterInnen und UnterstützerInnen,die geplanten Proteste gegen die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe sind gestern
auf dem DGB-Kongress in Berlin aufgenommen worden (s. Pressemitteilung). Am
07.06. geht es weiter mit einem bundesweiten Aktionstag "Hände weg
von der Arbeitslosenhilfe" zu dem die Erwerbslosen- und Sozialhilfeorganisationen
aufrufen. Der Protest soll klar machen: "Die Menschen haben es satt, dass
durch eine neoliberale Politik immer mehr Personen in Armut gedrängt werden,
ob mit oder ohne Arbeit"... Inhalt:
1. "Hände weg von der Arbeitslosenhilfe" - Protestaktion von VertreterInnen der Erwerbslosen- und Sozialhilfeorganisationen auf dem DGB-BundeskongressHier die gemeinsame Pressemitteilung vom 29. Mai 2002, die von der KO-Stelle versendet wurde:Koordinierungsstelle (ICC Berlin, Fon 030-30202969) Erwerbslosenprotest gegen Kanzler-Pläne zur Demontage der ArbeitslosenhilfeAnlässlich der Rede von Bundeskanzler Schröder auf dem DGB-Kongress protestierten Erwerbslose gegen die geplante Abschaffung der Arbeitslosenhilfe. Einige erwerbslose Gewerkschafter entrollten im Saal ein Transparent mit der unmissverständlichen Aufforderung "Hände weg von der Arbeitslosenhilfe!". Entsprechende Gesetzesänderungen würden bereits vorbereitet und auch im SPD-Wahlprogramm sei lediglich versprochen, man wolle "keine Absenkung der zukünftigen Leistungen auf Sozialhilfeniveau". Aber auch ein Eingliederungsgeld, das geringfügig über dem Sozialhilfesatz läge, käme einer Abschaffung der Arbeitslosenhilfe gleich und wäre der "schwerste und folgenreichste Einschnitt in das bundesdeutsche Wirtschafts- und Sozialsystem", fürchten die organisierten Erwerbslosen. Arbeitslose und deren Familien würden in die Armut gedrängt, Niedriglohnjobs wären deren Perspektive. Dies beträfe ebenso die noch Erwerbstätigen. Auf deren Arbeitseinkommen würde ein immenser Druck ausgeübt, wenn Erwerbslose zur Annahme jeglicher Arbeitsbedingungen gezwungen wären. In einem gemeinsamen Aufruf fordern Erwerbslosen- und Sozialhilfeorganisationen zu öffentlichen medienwirksamen Protestaktionen gegen die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe auf. Am 7. Juni 2002 ist ein bundesweiter dezentraler Aktionstag geplant. "Die Menschen haben es satt, dass durch eine neoliberale Politik immer mehr Personen in Armut gedrängt werden, ob mit oder ohne Arbeit", heißt es in dem Aufruf. 2. Von Lohnwucher, Arbeitsämtern und ZeitarbeitWarum dem Zwang in den Niedrigstlohn nur auf gerichtlichem Wege beizukommen istDass Leiharbeit mit Niedriglohn einher geht, dürfte für Erwerbslose
nun wirklich nicht neu sein. Doch der Widerstand gegen unzumutbare Beschäftigungsverhältnisse,
in denen eindeutig ein Missverhältnis zwischen der erbrachten Arbeitsleistung
und dem Lohn als Gegenleistung vorliegt, ist kaum wahrzunehmen. Erschreckend
ist die Rolle der Arbeitsämter bei der Vermittlung in "sittenwidrige
Beschäftigung", und das obwohl die Ämter gemäß §
36 SGB III nicht in Ausbildungs- und Beschäftigungsverhältnisse vermitteln
dürfen, die gegen die "guten Sitten" verstoßen. Dabei gibt es durchaus einige Lichtblicke: Das Arbeitsgericht Bremen z.B. hat
bereits am 30.08.2000 ein rechtskräftiges Urteil gegen Lohnwucher im Bereich
der Leiharbeit gefällt (Az. 5 Ca. 5152, 5198/00): Der Bruttolohn von 11,50
DM für eine ,,Lager- und Produktionshelferin ohne berufliche Qualifikation"
wurde vom Gericht als sittenwidrig eingestuft. Er betrug nur knapp 60% des Durchschnittslohnes
im produzierenden Gewerbe in der Region und der verbleibenden Nettolohn für
die Beschäftigte unterschritt deutlich den Regelsatz der Sozialhilfe. (Das
Urteil kann von der BAG homepage heruntergeladen werden s.u.) Doch schauen wir zunächst auf die Stellenangebote der Arbeitsämter, die jedeR im Stellen Informations-Service (SIS) nachlesen kann. Hier drei Beispiele, die mit Blick auf das o.g. Urteil sofort den Verdacht auf Lohnwucher aufkommen lassen:
Hier geht es zunächst nach der Devise: wo keine klare Grenze gezogen ist
kann diese auch nicht unterschritten werden. Aber auch hier nagt die laufende Rechtsprechung an der Beharrlichkeit der Behörden:
Nach dem Urteil des Sozialgerichts Berlin vom 18.01.2002 (Az.: S 58 L 2003/01
), hat das Arbeitsamt Berlin Nord klar gegen den Vermittlungsgrundsatz des §
36 Abs.1 SGB III verstoßen. In dem Urteil heißt es: " Mit dem
im Streit stehenden Stellenangebot verletzte die Beklagte (die BA; hier das
AA Berlin Nord) bereits den Vermittlungsgrundsatz des § 36 Abs.1 des SGB
III. Denn mit einem Bruttolohn von 11,- DM für Hilfsarbeiten in Berliner
Industrieunternehmen sollte ein Arbeitsverhältnis begründet werden,
das wegen Lohnwucher gegen die guten Sitten verstößt." Die hier skizzierte Entscheidung des Sozialgerichts Berlin ist scheinbar noch nicht bis zu den MitarbeiterInnen der BA hervorgedrungen. Vielleicht hält mensch dort aber auch nur an der bestehenden Vermittlungspraxis fest (s. aktuelle Angebote im SIS), solange die Rechtslage noch nicht endgültig geklärt ist. Immerhin gilt es ja mit der Aufwertung der Zeitarbeitsbranche etwa durch das "Job-AQTIV-Gesetz", neue Beschäftigungsfelder im Niedriglohnsektor zu erschließen und arbeitsunwillige Erwerbslosen zu disziplinieren. Zu neudeutsch heißt das jetzt fördern und fordern. Die beiden aufgeführten Urteile zeigen aber, dass der Widerstand gegen
eine restriktive Behördenpraxis nicht zwecklos ist. Wie können sich
Betroffene nun gegen eine Vermittlung in "sittenwidrige Beschäftigung"
wehren? Doch warum sollen die Gerichte nicht von sich aus die Beweisführung erbringen,
wo nun die Grenze zum Lohnwucher liegt? Es werden wohl noch eine Menge Urteile
nach dem Bremer Muster nötig sein, um zumindest den übelsten Auswüchsen
des gegenwärtigen Lohndumpings bundesweit (und besonders in den neuen Bundesländern)
zu begegnen. Widerspruch ist gut... Besser ist jedoch, eine vermeintlich "sittenwidrige"
Beschäftigung zunächst anzunehmen und dann vor dem Arbeitsgericht
gegen die Lohnwucherer zu klagen. Frank Jäger Vielen Dank an Jürgen W., der die Anregung für diesen Beitrag lieferte. Er versorgte uns mit einer Fülle von Informationen zum Thema und stellte seine Korrespondenz mit Behörden und Ministerien zur Verfügung. Die Anlagen zum Artikel:zm Herunterladen als pdf-Datei
(Eine Materialsammlung zum Thema ist geplant/ Beiträge sind erwünscht) 3. Solidarität mit der Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg (ALSO)Die Auswirkungen der rot-grünen Steuerreformen machen sich seit diesem
Jahr bei den Kommunen besonders deutlich bemerkbar. Steuermindereinnahmen führen
dazu, dass die Luft in vielen Städten und Gemeinden sehr dünn wird
und das soziale Klima vollends umzukippen droht. Die allerorts geplanten Einsparungen
treffen vor allem den Bereich, der in den vergangenen Jahren schon am meisten
gebeutelt wurde: den Sozialetat. ALSO bald obdachlos?März 2002 Die Verwaltung der Stadt Oldenburg hat für dieses Jahr drastische Kürzungen im Sozialhaushalt vorgesehen. Opfer des Streichkonzerts sind die, die sowieso wenig haben: Menschen mit geringem Einkommen, Erwerbslose, Sozialhilfebeziehende und ihre Familien! Wegfallen sollen
Und nicht zuletzt:Starke Einschränkungen soll es - wieder einmal - überall dort geben, wo Menschen auf kostenlose und unabhängige Beratung angewiesen sind oder sonstige kompetente Hilfe finden! Denn z.B. bei ALSO, DONNA 45, BEKOS, Pro Familia u.a. ist eine zehnprozentige Kürzung vorgesehen, das Therapiezentrum für Frauen soll gleich ganz geschlossen werden. Bereits jetzt ist klar, dass dies nicht die letzte Kürzungsrunde sein wird: seit Jahren bestehende Verträge - z.B. für DONNA 45 und die ALSO - sind bereits gekündigt. Die Neu-"Verhandlungen", die die Stadt in Aussicht gestellt hat, verfolgen ein klares Ziel: Schrumpfen!Wenn es nächstes Jahr dann noch was zu schrumpfen gibt! Denn z.B. für die ALSO bedeutet die Kürzung konkret, dass wir die Miete für unsere Räume nicht mehr aufbringen könnten. Und was passiert, wenn man die Miete nicht mehr zahlen kann, weiß jeder - man fliegt raus! Dabei ist Beratung heute wichtiger denn je: schon jetzt können wir den Andrang Ratsuchender kaum bewältigen (viele von Euch kennen leidvoll die Wartezeiten bei uns!). Und mit jeder Verschärfung des Vorgehens von Arbeits- und Sozialamt wächst der Andrang auf die Beratung! Beratung unter freiem Himmel ist jedoch kaum möglich - wir müßten uns andere öffentlich zugängliche Räume suchen - z.B. das Rathaus ... Die politische Mehrheit aus SPD, FDP und BfO will den Vorschlägen der Verwaltung weitgehend folgen, ihre Änderungsvorschläge beschränken sich auf reine Kosmetik. Schon im Sozialausschuß verweigerte sie konsequent jede Diskussion: die SPD hatte ihre Fraktionssitzung für das folgende Wochenende angesetzt und zog sich auf das Argument zurück, sie habe sich noch keine Meinung über ihre Meinung bilden können - das hat schon Tradition. In Sonntagsreden wird "lebendige Demokratie" gepriesen, im Alltag herrscht ein beschämendes Schmierentheater. Politisch entschieden wird hinter verschlossenen Türen, der Rat ist nur noch Abstimmungsmaschine. Gerade deswegen sollen die PolitikerInnen ihre Entscheidungen vor einer möglichst großen Öffentlichkeit rechtfertigen müssen. Wir fordern die Ratsmitglieder auf:
Zur aktuellen Entwicklung der Kommentar eines Aktiven:"[...] Wir sind, wie zu erwarten war, für 2002 um 10% der gesamten städtischen Zuschüsse gekürzt worden, was in etwa bedeutet, daß wir schon mal die Miete für unser Zentrum anderweitig zusammenschnorren müssen; die Verträge über Personalkosten-Zuschüsse sind, wie nachzulesen, gekündigt; in einer ersten Gesprächsrunde hat die Verwaltung schon mal klargemacht, daß sie von uns weitere Sparvorschläge (wenn auch in nicht quantifizierter Höhe) erwartet; sollten die nicht ihren Gefallen finden, sollen wir eben für 2003 auf NULL gesetzt werden. Bloß: wo sollen wir sparen? [...]" Weitere Informationen zum "Oldenburger Streichorchester"findet ihr unter:
4. Neu auf der BAG-E homepage:Artikel:Die Demontage der sozialen Sicherung - ein Angriff auf soziale Grundrechtevon Christa Sonnenfeld Der Artikel der Sozialwissenschaftlerin Christa Sonnenfeld (Vorstandsmitglied des Komitees für Grundrechte und Demokratie) leuchtet schlaglichtartig aus, wie aktuell auch noch die Reste des keynesianischen Sozialstaats sukzessive abgeräumt werden sollen. Sie skizziert die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Strategien der politischen Klasse, die sozialen Grundrechte auszuhebeln und durch ein flexibles politisches Armutsverwaltungs- und Zwangsmaßnahmensystem zu ersetzen. Neben dem Musterwiderspruch, dem Bremer Urteil (s. 2.) und dem Artikel von Christa Sonnenfeld stehen zum Thema Abschaffung der Arbeitslosenhilfeeine noch nicht ganz offizielle Absichtserklärung aus den Reihen der SPD Herunterladen als rtf-Datei: 5.Ein Tipp für attacDer folgende gut gemeinte Rat für attac erreichte uns Mitte MaiBernhard H. schrieb: Hallo, solltet ihr von attac noch nichts davon gehört haben, will ich euch mitteilen,
dass am 07.06.02 Erwerbslosenproteste stattfinden und nachfragen, ob attac bundesweit
daran teilnimmt, da es im Endeffekt gegen alle ("Otto-Normal-Arbeitnehmer"
als auch Erwerbslose - Meiner Ansicht nach kann Erwerbslosigkeit heute jeden
treffen!) geht, wenn die Arbeitslosenhilfe abgeschafft wird, und man dann nur
noch Sozialhilfe, deren Niveau auch gesenkt werden soll, erhält. Gruß PS: Da ich auch an diversen Diskussionsforen Erwerbsloser schon teilgenommen
habe, würde es die Glaubwürdigkeit von attac Deutschland wohl massiv
erhöhen, wenn diese sich nicht nur auf den Kampf gegen die ausländischen
Globalisierungsfolgen beschränken würde. Diese INFO ist sehr umfangreich und deshalb mit etwas Verspätung herausgekommen. Ich hoffe, dass es schon bald etwas über den bundesweiten Aktionstag am 07.06. zu berichten gibt und bitte die Aktiven, Informationen über Aktionen an den Verteiler (s.u.) zu schicken. Ich wünsche euch viel Erfolg ! Wie immer können Beiträge für die BAG-E INFO zum Themenbereich
Erwerbslosigkeit, Sozialhilfe, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik etc. per mail
an Solidarische Grüße Bundesarbeitsgemeinschaft der unabhängigen Erwerbsloseninitiativen BAG-E Kontakt: |
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